Zylinder-Steuerzeiten messen und bearbeiten
Praxis am ausgebauten Zylinder - Werkzeug und Routine
Zylinder Steuerzeiten
Die Zylinder-Steuerzeiten sind das Herzstueck jedes Zweitakttunings. Wer die Kanaloberkanten am Zylinder veraendert, greift direkt in den Gaswechsel ein und verschiebt damit Drehzahlband, Leistungsspitze und Drehmomentverlauf. Diese Seite beschreibt die praktische Routine: Steuerzeiten am ausgebauten Zylinder messen, gezielt bearbeiten und das Ergebnis kontrollieren. Eine kurze Wiederholung der Theorie findest du unter Steuerzeiten, die Berechnungsgrundlagen unter Steuerzeit umrechnen.
Was die Zylinder-Steuerzeiten ausmachen
Beim Zweitakter steuert der Kolben mit seinen Kanten die Oeffnungs- und Schliesszeitpunkte von Einlass, Ueberstroemern und Auslass. Die Hoehe der Kanaloberkante ueber dem Zylinderboden bestimmt, bei welchem Kurbelwinkel der Kanal frei wird. Je hoeher der Auslass, desto laenger ist er offen und desto weiter wandert die Leistung nach oben in den Drehzahlkeller hinaus.
Mess-Routine am ausgebauten Zylinder
- Zylinder vom Motor abnehmen. Kopf demontieren, Auspuff und Ansauggummi loesen, Zylinder vorsichtig nach oben abziehen.
- Zylinderhoehe mit Tiefenmessstab erfassen. Den Zylinder auf eine plane Flaeche stellen und die Gesamthoehe von Dichtflaeche zu Dichtflaeche messen.
- Kanal-Oberkanten messen. Mit dem Tiefenmessstab durch die Kerze oder von oben in den Zylinder fahren und die Hoehe der Oberkante von Auslass, Ueberstroemern und Einlass jeweils vom Zylinderboden aus erfassen.
- Mit Pleuel-Hub-Geometrie in Grad umrechnen. Aus Hub, Pleuellaenge und Kanalhoehe ergibt sich der Kurbelwinkel. Mehr unter Steuerzeit umrechnen. Alternativ direkt am eingebauten Motor mit der Gradscheibe gegenmessen.
Bearbeitung Auslass anheben
Der Auslass ist der dankbarste Kanal, weil er die Spitzenleistung direkt nach oben schiebt. Werkzeug: pneumatische Fraese oder Druckluft-Stabschleifer mit Hartmetallfraeser, anschliessend Schleifrolle zum Glaetten. Grundregel: Material wegnehmen, niemals hinzufuegen.
Faustwert: 1 mm Kanal-Hoehenzuwachs entspricht ungefaehr 5 bis 7 Grad mehr Steuerzeit, je nach Hub und Pleuellaenge des Motors. Immer in kleinen Schritten arbeiten, maximal 0,3 bis 0,5 mm pro Durchgang, dann neu messen.
Wichtig: Die Uebergaenge zwischen Oberkante und Kanaldach duerfen nicht scharf bleiben. Scharfe Ecken zerstoeren die Stroemung. Sauber verrunden, aber die Steuerkante selbst muss waagerecht und definiert bleiben.
Bearbeitung Ueberstroemer
Die Ueberstroemer sind deutlich heikler. Sie sind nicht nur Kanaele, sondern Stroemungsleitelemente: Die Schnuerle-Spuelung lebt davon, dass die einstroemenden Frischgase im richtigen Winkel zur Zylinderwand ausgerichtet werden. Wer hier blind Material wegnimmt, zerstoert das Spuelbild.
Die Form muss erhalten bleiben, insbesondere der Eintrittswinkel der Kanaldaecher. Nur die Oberkante leicht nachziehen, niemals den Kanal aufweiten oder die Richtung veraendern. Empfehlung: Ueberstroemer-Bearbeitung dem Profi ueberlassen.
Bearbeitung Einlass (Kolbensteuerung)
Bei kolbengesteuertem Einlass gibt es zwei Eingriffspunkte. Erstens das Kolbenfenster verlaengern: Die Bohrung oder den Schlitz im Kolbenhemd nach unten verlaengern, damit der Einlass frueher oeffnet. Zweitens den Einlassschlitz im Zylinder vergroessern, in der Hoehe nach oben oder seitlich, um die Querschnittsflaeche zu erhoehen. Beide Massnahmen verlaengern die Einlasssteuerzeit, muessen aber zur Vergaserbestueckung passen.
Haeufige Fehler
- Zu viel Material weggenommen - irreversibel, der Zylinder ist Schrott oder muss aufwendig gebuchst werden.
- Symmetrie nicht beachtet - linker und rechter Ueberstroemer ungleich hoch fuehrt zu schlechter Spuelung und unsauberem Lauf.
- Scharfe Verschleisskanten - der Kolbenring bleibt an einer scharfen Oberkante haengen und bricht. Immer alle Kanten leicht brechen (0,2 bis 0,3 mm Fase, sauber verrundet).
- Ohne Vorher-Messung gearbeitet - ohne Referenz weisst du nicht, was du geaendert hast.
Vor-/Nachher-Kontrolle
Nach jeder Bearbeitung den Zylinder neu vermessen und die Steuerzeit umrechnen. Wer es genau wissen will, montiert den Zylinder probeweise und prueft mit der Gradscheibe direkt am Kurbelwellenstumpf. Alle Werte protokollieren: Ausgangswert, Bearbeitungsschritt, neuer Wert. Weiterfuehrend siehe Zylinder.