Zuendung einstellen - Vorzuendung mit Messuhr und Stroboskop
Drei Methoden, Soll-Werte und haeufige Fehler
Was beim Einstellen der Zuendung wirklich passiert
Wer am Zweitakter die Zuendung einstellt, justiert in Wahrheit drei voneinander unabhaengige Groessen: den Zuendzeitpunkt (in Grad oder Millimeter Kurbelwellen-Drehung vor dem oberen Totpunkt, kurz vor OT), bei klassischen Anlagen zusaetzlich den Kontaktabstand des Unterbrechers und bei elektronischen Anlagen den Polradabstand zum Pickup. Erst wenn alle drei Werte stimmen, springt der Motor zuverlaessig an, dreht sauber durch und liefert die volle Leistung. Grundlagen zur Anlage selbst stehen unter Zuendung und Elektronische Zuendung.
Zuendzeitpunkt (Vorzuendung)
Die Vorzuendung gibt an, wie viel Grad Kurbelwellendrehung vor OT der Funke ueberspringt. Der Wert ist noetig, weil das Kraftstoff-Luft-Gemisch nicht schlagartig verbrennt, sondern eine kurze Brenndauer hat. Typisch sind 1,5-3,0 mm vor OT bei Mokicks und 15-20 Grad vor OT bei Sportmotoren. Der Spitzendruck soll knapp nach OT entstehen - rund 15-20 Grad nach OT gilt als optimal.
Kontaktabstand (nur Kontaktzuendung)
Beim Unterbrecher betraegt der maximale Oeffnungs-Spalt nahezu universell 0,4 mm (0,35-0,45 mm je nach Hersteller). Zu klein: Funke schwach, Kontakte brennen schnell. Zu gross: Schliesswinkel zu kurz, Zuendspule wird nicht voll geladen.
Polradabstand (Pickup)
Bei elektronischen Zuendungen liegt der Luftspalt zwischen Polrad-Nase und Pickup-Sensor bei 0,3-0,5 mm. Mit Fuehlerlehre oder Plastikkarte einstellen - zu eng zerstoert beim ersten Hochlaufen den Pickup.
Sollwerte typischer Motoren
| Motor | Vorzuendung vor OT | Entspricht ca. |
| Simson S51 / S70 | 2,0-2,5 mm | 15-18 Grad |
| Vespa V50 / PK 50 | 1,8-2,5 mm | 17-21 Grad |
| Puch Maxi | 1,5-2,0 mm | 14-17 Grad |
| KTM 250 SX (Sportmotor) | 2,5 mm | 18 Grad |
| Mokick allgemein | 1,5-3,0 mm | 13-22 Grad |
Wichtig: Diese Werte sind Richtwerte. Verbindlich ist immer das Werkstatthandbuch des jeweiligen Modells. Abweichungen kommen durch Spritsorte, Verdichtung, Klima-Bedingungen und Bauteil-Toleranzen zustande.
Vorbereitung
- Motor kalt, Zuendkerze raus, Zuendkerze auf Zustand sichten.
- Polrad-Konus und Kurbelwellen-Konus mit Bremsenreiniger entfetten - jeder Tropfen Oel laesst das Polrad spaeter durchrutschen.
- Falls kein OT-Stempel auf dem Polrad: Messuhr mit Kerzenloch-Adapter (M14x1,25 oder M10x1) einsetzen.
- Batterie geladen (fuer Pruefampe oder Stroboskop) und die richtige Drehrichtung notieren - bei Simson laeuft die Kurbelwelle in Fahrrichtung gegen den Uhrzeigersinn (von der Polradseite gesehen).
- Werkstatthandbuch oder Modell-Datenblatt griffbereit. Sollwert aus Internet-Foren ist ein klassischer Reklamationsgrund.
Methode 1: Messuhr im Kerzenloch (Standard)
Die zuverlaessigste Werkstatt-Methode. Eignet sich fuer Kontakt- und elektronische Zuendung.
- Messuhr in Kerzengewinde einsetzen, Vorspannung 5-10 mm geben.
- Kurbelwelle langsam in Drehrichtung drehen, bis die Nadel ihren hoechsten Punkt erreicht. Das ist OT. Zaehler auf Null stellen.
- Kurbelwelle gegen die Drehrichtung um ca. 5 mm zurueckdrehen (so wird das Lagerspiel eliminiert).
- Wieder in Drehrichtung vorsichtig bis zum Sollwert vor OT drehen (z.B. 2,0 mm bei Simson S51).
- Polrad in dieser Stellung mit Filzstift gegenueber einer festen Gehaeusekante markieren.
- Pruefampe (6 V) zwischen Unterbrecherkabel und Masse anschliessen: Im Moment, in dem der Funke kommen muss, geht das Lampchen aus (Kontaktzuendung) bzw. wechselt das Signal (CDI mit Statiktest).
- Stimmt der Punkt nicht: Grundplatte (Stator) loesen und in Langloechern verdrehen, bis der Zuendpunkt genau auf der Polradmarke liegt.
Wer es noch genauer braucht, baut sich oder kauft eine Gradscheibe - damit lassen sich Grad statt Millimeter direkt ablesen, was bei Sportmotoren mit Vorzuendung jenseits 20 Grad sinnvoll ist.
Methode 2: Mit Stroboskoplampe (dynamisch)
Profi-Methode. Vorteil: Der Zuendzeitpunkt wird im laufenden Betrieb gemessen, inklusive evtl. Fliehkraft-Verstellung oder CDI-Kennlinie.
- Motor warmfahren (3-5 Minuten).
- OT-Marke und Sollwert-Marke (z.B. 18 Grad vor OT) am Gehaeuse anzeichnen. Polradmarke vorher mit weisser Farbe nachziehen.
- Stroboskoplampe an erste Zuendkerze klemmen (induktive Zange), Plus/Minus auf Batterie.
- Motor im Standgas laufen lassen, Stroboskop auf Polrad richten.
- Die Polradmarke muss bei der Sollwert-Marke am Gehaeuse stehen.
- Abweichung korrigiert man durch Verdrehen der Grundplatte.
Die Stroboskop-Methode deckt auch Defekte einer programmierbaren CDI auf - z.B. wenn die Vorzuendungs-Kennlinie nicht mehr greift.
Methode 3: Kontaktzuendung komplett einstellen
Bei alten Anlagen (Simson bis Anfang 80er, viele Mofas, Vespa V50): Kontaktabstand und Zuendzeitpunkt gehoeren zusammen.
- Kontakt ganz oeffnen (Polrad drehen bis Nocken-Spitze auf dem Hammer steht). Mit Fuehlerlehre 0,4 mm einstellen.
- Fixierungsschraube anziehen, Abstand kontrollieren.
- Mit Pruefampe Schliesswinkel ermitteln: Lampe leuchtet = Kontakt geschlossen, aus = Funke springt ueber.
- Sollwert wie oben mit Messuhr suchen, Grundplatte verdrehen bis Pruefampe genau am Sollwert auslischt.
- Kondensator auf Kapazitaet (0,22 uF typisch) pruefen, sonst brennen die Kontakte schnell wieder ab.
Werkzeug-Set
- Messuhr 0,01 mm Aufloesung mit Adapter fuer M14 (Pkw, viele Mopeds) und M10 (Kleinmotoren).
- Stroboskoplampe 12 V mit induktiver Klemme - billige fuer 25 EUR reichen, Profi-Lampen mit Vorzuendungs-Skala kosten 80-150 EUR.
- Fuehlerlehre 0,05-1,0 mm fuer Kontakt- und Polradabstand.
- Pruefampe 6 V/12 V oder Multimeter mit Durchgangsprueffunktion.
- Schraubendreher passend zu Grundplatten-Befestigung, oft Schlitz oder Torx.
- Drehmomentschluessel fuer die Polradmutter (40-70 Nm je nach Modell).
- Polradabzieher modellspezifisch - niemals mit dem Hammer abklopfen.
Auswirkungen falscher Einstellung
| Fehler | Symptom | Risiko |
| Zuendung zu frueh (Vorzuendung zu gross) | Klingeln, Vorgluehen, Leistungsabfall bei Last, heisse Kerze | Kolbenfresser, Loch im Kolbenboden |
| Zuendung zu spaet | Leistungsverlust, Auspuff glueht rot, schlechte Anfahrt | Verbrennt Auspuffkruemmer und Membran |
| Kontaktabstand zu klein | Schwacher Funke, Startprobleme bei Kaelte | Kontakte brennen schnell |
| Polradabstand zu klein | Schleifgeraeusch, Funke fehlt | Pickup zerstoert |
Tuning-Aspekte
Wer den Motor Tuning-maessig verdichtet oder einen Sport-Auspuff einbaut, kommt um Anpassung der Vorzuendung nicht herum:
- Hoehere Verdichtung (kleinerer Brennraum, geplante Zylinderkopf): Vorzuendung um 1-3 Grad zurueckziehen, sonst klingelt der Motor sofort.
- Resonanzauspuff: Manche Setups vertragen 1-2 Grad mehr Vorzuendung, weil der Aufladeffekt die Brenngeschwindigkeit verbessert. Im Zweifel auf Pruefstand abstimmen.
- Programmierbare CDI (Vape, HPI, Selettra): Drehzahlabhaengige Zuendkurve definierbar - typisch Vollast-Vorzuendung 18-22 Grad, im oberen Drehzahlband 2-4 Grad weniger zur Klingelschutz.
- Alkohol-Sprit (E85, Methanol): Frueher zuenden duerfen, weil Brenndauer laenger - bis zu 3 Grad mehr Vorzuendung.
Haeufige Fehler bei der Einstellung
- OT-Position ungenau: Messuhr nicht senkrecht im Kerzenloch oder Lagerspiel nicht beruecksichtigt - Fehler von 0,5 mm sind dann normal.
- Polrad-Konus eingefettet: Das Polrad rutscht beim ersten Vollgas durch, Einstellung weg. Konus blitzblank und fettfrei zusammenbauen, Mutter mit Drehmoment.
- Kontakte abgebrannt: Riefen oder Krater - selbst die beste Einstellung haelt nicht. Kontakte tauschen und Kondensator messen.
- Falsche Drehrichtung: Wer in falsche Richtung dreht, hat das Lagerspiel im OT-Punkt drin und stellt 0,1-0,3 mm daneben.
- Sollwert aus dem Internet statt aus dem Werkstatthandbuch - bei Tuning-Setups absolut toedlich.
- Stroboskop bei zu hoher Drehzahl: Bei aktiver Fliehkraft-Verstellung oder CDI-Kennlinie steht die Marke ganz woanders. Erst bei Leerlauf messen, dann hochziehen.
Sicherheitshinweise
An der Zuendspule liegen im Betrieb 10000-25000 V Hochspannung an. Wer ein laufendes Zuendkabel anfasst, bekommt einen Schlag, der bei Herzpatienten gefaehrlich werden kann. Stroboskop nur mit isolierter induktiver Klemme, niemals blank am Kerzenstecker. Polradmutter immer mit dem Soll-Drehmoment (Werkstatthandbuch) anziehen - zu locker reisst das Polrad ab und zerstoert die Statorspulen, zu fest dehnt die Kurbelwellen-Naben-Verbindung. Vor der ersten Testfahrt nach Zuendungs-Einstellung den Motor im Stand 1-2 Minuten Standgas laufen lassen und auf Klingeln horchen.
Fazit
Die Zuendung am Zweitakter ist eine der wenigen Einstellungen, bei denen 0,5 mm den Unterschied zwischen Vollast-Leistung und Kolbenfresser machen. Messuhr, Pruefampe und Werkstatthandbuch reichen fuer den Hausgebrauch, die Stroboskoplampe ist die Kuer fuer Tuner. Wer sauber arbeitet, hat eine Einstellung, die Tausende Kilometer haelt - wer schludert, baut den Motor zwei Wochen spaeter wieder auf.