Gradscheibe - das Mess-Werkzeug fuer Steuerzeiten

Praezise Winkelmessung am Kurbeltrieb



Gradscheibe - das Mess-Werkzeug fuer Steuerzeiten


Die Gradscheibe ist das zentrale Mess-Werkzeug, wenn es um die exakte Bestimmung von Steuerzeiten am Zweitaktmotor geht. Sie besteht aus einer runden Scheibe mit einer 360-Grad-Einteilung und wird direkt auf der Kurbelwelle befestigt. Damit lassen sich alle relevanten Winkel - Auslass-, Ueberstroem- und Einlass-Steuerzeit sowie die Vorzuendung - sauber in Grad Kurbelwellenwinkel ablesen.



Wofuer wird die Gradscheibe gebraucht?


Steuerzeiten sind beim Zweitakter das, was beim Viertakter die Nockenwelle ist. Eine Gradscheibe ermoeglicht es, diese Winkel direkt am laufenden bzw. von Hand gedrehten Motor zu messen. Konkret lassen sich folgende Werte ermitteln:



  • Auslass-Steuerzeit (Oeffnungswinkel des Auslasskanals)

  • Ueberstroem-Steuerzeit (Oeffnungswinkel der Ueberstroemkanaele)

  • Einlass-Steuerzeit (bei Membran-, Drehschieber- oder Kolbenkantensteuerung)

  • Vorzuendung in Grad vor OT



Beschaffung des Werkzeugs


Fuer die gelegentliche Anwendung reicht eine selbstgebaute Gradscheibe aus Karton oder Papier - Vorlagen lassen sich ausdrucken, auf festen Karton kleben und mittig durchbohren. Wer regelmaessig misst oder tunt, greift besser zur Profi-Variante aus Metall: Sie ist haltbar, praezise und meist mit einer Magnet-Halterung versehen.



Anwendung in der Praxis


Bevor gemessen werden kann, muss der obere Totpunkt (OT) exakt gefunden werden. Dafuer wird eine Messuhr ins Kerzenloch eingeschraubt und der Kolben langsam in Richtung OT gedreht, bis die Uhr ihren hoechsten Stand erreicht. Auf diese Position wird die Gradscheibe mit 0 Grad ausgerichtet und ein fester Zeiger - etwa ein Stueck Draht am Motorgehaeuse - als Referenz montiert.


Anschliessend wird der Zylinder gezogen oder mit einem Endoskop durch das Kerzenloch hineingeschaut, um die Kolben-Position im Verhaeltnis zur Kanal-Oberkante beobachten zu koennen. Gedreht wird so lange, bis der jeweilige Kanal gerade oeffnet oder schliesst - an diesem Punkt wird der Winkel an der Gradscheibe abgelesen.



Komplette Mess-Routine fuer die Auslass-Steuerzeit



  1. Kolben auf OT stellen und die 0-Grad-Marke der Gradscheibe genau auf den Zeiger ausrichten.

  2. Kurbelwelle langsam in Drehrichtung weiterdrehen, bis die Kolben-Oberkante die Auslass-Oberkante erreicht - das ist der Oeffnungszeitpunkt.

  3. Winkel ablesen, zum Beispiel 86 Grad vor UT.

  4. Weiterdrehen, bis der Auslass beim aufsteigenden Kolben wieder schliesst: Es sollte sich der gleiche Winkel hinter UT ergeben.

  5. Die Auslass-Steuerzeit ergibt sich aus 2 mal abgelesener Winkel - im Beispiel also 172 Grad.


Die Ueberstroem- und Einlass-Steuerzeiten werden nach demselben Prinzip ermittelt.



Alternative Methode


Wer keine Gradscheibe zur Hand hat oder das Polrad nicht demontieren moechte, kann auch ueber einen Tiefenmaessstab arbeiten: Die Steghoehen der Kanaele werden gemessen und anschliessend rechnerisch in Grad Kurbelwellenwinkel umgerechnet. Details unter Steuerzeit umrechnen.



Vor- und Nachteile


Der grosse Vorteil der Gradscheibe liegt darin, dass direkt am Motor gemessen wird - ohne Theorie, ohne Umrechnung. Der Nachteil: Um Zugang zur Kurbelwelle zu bekommen, muss in der Regel das Polrad oder die Kupplung demontiert werden.



Tipps fuer die Praxis



  • Bei der ersten Messung sollte der OT zweimal geprueft werden - einmal im Aufwaerts-, einmal im Abwaertshub. So laesst sich der reale Totpunkt mitteln.

  • Bei einem symmetrischen Kolben-Einlass muessen die Mess-Werte fuer Oeffnen und Schliessen ebenfalls symmetrisch zum UT bzw. OT sein.

  • Bei asymmetrischen Steuerzeiten - etwa beim Drehschieber - wird das Oeffnen und Schliessen separat gemessen und addiert.



Weiterfuehrende Themen


Eine Uebersicht aller relevanten Winkel findet sich unter Steuerzeiten. Wer die gemessenen Werte rechnerisch nachvollziehen moechte, nutzt Steuerzeit umrechnen. Fuer die motorische Auslegung siehe Berechnung.


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