Einlassform am 2T - Kolben-Schlitz, Drehschieber, Membran

Drei Einlass-Bauarten im Vergleich



Was die Einlassform steuert


Die Einlassform ist die Geometrie und Bauart des Einlasses am Zweitakter - also der Weg, ueber den das Frischgemisch vom Vergaser ins Kurbelgehaeuse gelangt. Sie entscheidet ueber zwei Dinge gleichzeitig: ueber die Menge an Frischgas, die pro Arbeitszyklus eingesaugt werden kann, und ueber die Drehzahl, bei der das am besten funktioniert. Eine grosse, frueh oeffnende Einlassform liefert Spitzenleistung bei hoher Drehzahl, kostet aber Drehmoment im unteren Bereich. Eine kleine, spaet oeffnende Form fuehrt zu sauberem Lauf von unten, deckelt aber die Leistung nach oben. Die Bauart legt die Charakteristik schon im Grunddesign fest - ob symmetrisch, asymmetrisch oder selbstregelnd.

Drei Bauarten im Ueberblick


Am Zweitakter sind drei Einlass-Bauarten ueblich. Sie unterscheiden sich darin, was die Oeffnung steuert - der Kolben, eine rotierende Scheibe oder der Druck im Kurbelgehaeuse.

Kolben-gesteuerter Einlass (Schlitz)


Die einfachste und aelteste Loesung. Ein Schlitz im Zylinder, der vom Kolbenhemd freigegeben oder verschlossen wird. Klassiker: Simson S50/S51, Hercules Prima, Sachs-Mofas, Kreidler MF/MP. Vorteil: konstruktiv extrem einfach, keine zusaetzlichen Bauteile, kaum Verschleiss. Nachteil: die Steuerzeit ist zwingend symmetrisch um den oberen Totpunkt (OT) - oeffnet der Schlitz 60 Grad vor OT, schliesst er auch 60 Grad nach OT. Das passt nicht zur Stroemung, die nach OT eigentlich noch laenger einsaugen koennte. Resultat: Gemischrueckschlag in den Vergaser bei niedriger Drehzahl, schmales Drehzahlband.

Drehschieber


Eine rotierende Scheibe an der Kurbelwelle, die seitlich am Motorgehaeuse einen Einlassquerschnitt freigibt oder verschliesst. Verbreitet bei der MZ ETZ 250, der MZ TS 250, aelteren Yamaha-RD-Modellen (RD 250, RD 350, RD 400) und einigen Rennmotoren. Vorteil: die Steuerzeit kann asymmetrisch ausgelegt werden - zum Beispiel oeffnet sie 130 Grad vor OT und schliesst erst 70 Grad nach OT. Macht zusammen 200 Grad Oeffnungswinkel, der Schluss liegt aber weit nach OT, um die Saugstroemung optimal zu nutzen. Nachteil: aufwendiger Aufbau, Scheibe und Gehaeuse als Verschleissteile, Vergaser sitzt seitlich am Motorgehaeuse statt am Zylinder.

Membran (Reed Valve)


Heute der Standard. Ein Zungenventil im Einlassstutzen, das druckabhaengig oeffnet und schliesst - quasi ein Rueckschlagventil. Steigt der Unterdruck im Kurbelgehaeuse, biegen sich die Zungen auf; steigt der Druck wieder, klappen sie zu. Vorteil: selbstregelnd, kein Gemischrueckschlag, breites nutzbares Drehzahlband. Standardbauart bei modernen 2T-Enduros (KTM, Husqvarna, Beta, GasGas), Cross-Maschinen und nahezu allen 50er-Rollern (Yamaha Aerox, MBK Booster, Piaggio NRG). Details unter Membransteuerung.

Geometrie Kolben-Schlitz


Die Einlassoeffnung liegt im Zylinder, gegenueber dem Auslass. Ihre Hoehe bestimmt, wann der Kolben den Schlitz freigibt; ihre Breite bestimmt den maximalen Stroemungsquerschnitt. Beim Tuning sind beide Stellgroessen zugaenglich. Hoehe anheben verlaengert die Oeffnungsdauer und verschiebt sie Richtung hohe Drehzahl. Breite vergroessern erhoeht den Querschnitt, ist aber begrenzt durch die Stege zwischen Einlass und Ueberstroemkanaelen. Eine bewaehrte Erweiterung ist das Kolbenfenster: eine zusaetzliche Bohrung im Kolbenhemd, die mit dem Einlassschlitz fluchtet. Das wirkt wie eine Verlaengerung der Steuerzeit, ohne dass am Zylinder selbst Material abgenommen werden muss. Tuningmodelle wie der Polini- oder Athena-Kit fuer Simson nutzen das systematisch. Hintergrund zu Oeffnungswinkeln unter Steuerzeiten.

Geometrie Drehschieber


Die Form der Steuerscheibe bestimmt alles. Sie hat eine ausgeschnittene Flaeche, die den Einlass freigibt, sobald sie sich vor der Oeffnung im Gehaeuse befindet. Beispielsweise: Oeffnung 130 Grad vor OT, Schluss 70 Grad nach OT - macht 200 Grad asymmetrisch. Beim Tuning wird die Scheibe getauscht oder nachgearbeitet. Eine andere Aussparung verschiebt die Steuerzeiten ohne Eingriff am Zylinder oder Motorgehaeuse. Renn-Drehschieber-Scheiben gibt es fuer ETZ und RD im Aftermarket. Wer selbst feilt, muss auf Wuchtung und Plansitz achten - eine schiefe Scheibe kostet sofort Druck im Kurbelgehaeuse.

Geometrie Membran


Eine Membraneinheit besteht aus dem Reed Cage (dem Gehaeuse mit Anschlag) und den Reed Petals (den Zungen selbst). Uebliche Bestueckung: 4, 6 oder 8 Zungen. Werkstoffe: Carbonfaser (leicht, schnelles Ansprechen), Edelstahl oder Federstahl (robust, OEM-Standard der 80er und 90er), Glasfaser (preisguenstige Alternative zu Carbon). Die Cage-Form unterscheidet sich nach Hersteller: V-foermig wie beim V-Force-Block oder Y-foermig wie beim Boyesen-Rad-Valve. Mehr Zungen bedeuten kleineren Hub pro Zunge und schnelleres Ansprechen, weniger Zungen mit groesserem Querschnitt bedeuten mehr Spitzenleistung. Beim Tuning wird in der Regel der komplette Reed Cage getauscht - das ist die einfachste und wirkungsvollste Massnahme am Einlass.

Anwendungs-Vergleich







BauartVorteilNachteilBeispiel-Modelle
Kolben-Schlitzeinfachster Aufbau, kaum Verschleiss, billig in Produktionsymmetrische Steuerzeit, schmales Drehzahlband, Gemischrueckschlag untenSimson S51, Hercules Prima, Sachs 50, Kreidler MF
Drehschieberasymmetrische Steuerzeit, hoher Spitzendurchsatzaufwendige Konstruktion, Verschleissteile (Scheibe, Welle), Vergaser seitlichMZ ETZ 250, Yamaha RD 350, Husqvarna-Renner
Membranselbstregelnd, breites Drehzahlband, sauberer Lauf von unten, einfaches TuningZungen sind Verschleissteile (Rissbildung), leichte Stroemungsbremse durch das VentilKTM 2T, Yamaha Aerox, MBK Booster, Beta RR, Stage6-Kits


Stroemungsoptimierung


Unabhaengig von der Bauart gilt: der Einlass darf der Stroemung nicht im Weg stehen. Drei klassische Eingriffe sind sinnvoll und bei jedem Setup machbar.

  • Kanalwaende verrunden: scharfe Kanten und Stufen erzeugen Wirbel und kosten Durchsatz. Saubere Rundungen mit Frasestift oder Fingerfraeser entfernen die Stoerstellen.

  • Uebergaenge glaetten: zwischen Ansaugstutzen, Vergaserflansch und Einlasskanal duerfen keine Absaetze stehen. Schon ein halber Millimeter Versatz bremst spuerbar - mit Dichtung trocken aufgelegt anzeichnen und nacharbeiten.

  • Polieren: nach dem Fraesen mit Schleifpapier P600 vorpolieren, dann P1000 fuer einen glatten Finish. Wichtig: der Einlass wird im Gegensatz zum Auslassform nur leicht poliert - eine zu glatte Oberflaeche stoert die Gemischzerstaeubung.



Tuning-Praxis nach Bauart


Membran: einfachstes Tuning ueberhaupt. Reed Cage komplett tauschen (V-Force 3, V-Force 4, Boyesen Rad Valve) - 15 Minuten Arbeit, sofort sichtbarer Effekt auf Gasannahme und Spitzenleistung.

Drehschieber: aufwendige Nacharbeit oder Tausch der Steuerscheibe. Erfordert Demontage des Motorseitendeckels, in der Regel auch der Kurbelwelle. Eingriff nur fuer erfahrene Schrauber.

Kolben-Schlitz: Materialabnahme am Zylinder (Fraese, Schleifstift) plus optional Kolbenfenster. Irreversibel, deshalb sorgfaeltig anzeichnen, in kleinen Schritten arbeiten und Steuerzeiten nach jedem Durchgang messen. Mehr zur Berechnung unter Steuerzeiten und zur Vergaserabstimmung danach unter Vergaser.

Hersteller im Aftermarket


Boyesen (USA): erfand 1972 die doppelt belegten Power Reeds und das Rad-Valve-System. Bis heute Standard im Motocross und Enduro-Bereich.

V-Force (USA, Moto Tassinari): die V-Force-Serie (aktuell V-Force 3 und V-Force 4) ist im Profi-Cross der De-facto-Standard. Groesserer Stroemungsquerschnitt, mehr und kleinere Zungen - bessere Gasannahme und breiteres Drehzahlband.

Carbontech (Europa): liefert reine Carbon-Ersatzmembranen fuer viele OEM-Cages, guenstige Tuning-Option ohne kompletten Cage-Tausch.

Fazit


Die Einlassform legt die Charakteristik des Motors fest, bevor irgendetwas anderes greift. Kolben-Schlitz ist die Klassiker-Loesung mit klaren Grenzen, der Drehschieber eine elegante aber aufwendige Sonderloesung, die Membran heute der Standard mit dem besten Kompromiss aus Leistung, Drehzahlband und Tuning-Freundlichkeit. Wer am Einlass arbeitet, sollte die Bauart kennen und passend dazu vorgehen - bei der Membran reicht oft der Tausch des Reed Cage, beim Kolben-Schlitz braucht es Fraese und Mass. In jedem Fall lohnen sich die Grundlagen unter Membransteuerung, Steuerzeiten, Auslassform und Vergaser.

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